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Das Symposium Future.Now!


aib Akademie

Räume für Menschen oder Räume für Maschinen?

 

Treffpunkt 02. Juli 2026, 16.30 Uhr im Visitor Center von Siemens in Amberg – einer der modernsten Industrieanlagen Deutschlands. Als Mitgestalter dieses zukunfts-weisenden Gebäudes lud das Architekturbüro aib zum Symposium „FUTURE.NOW!“ ein. Auf dem Podium diskutierten Dr. Beitinger, ehem. SVP Manufacturing Excellence bei Siemens, der KI-Experte und Digitalisierungsprofessor Dr. Stummeyer sowie der Architekt Kai-Uwe Lompa, geschäftsführender Gesellschafter von aib, über die Zukunft von Industrie, Künstlicher Intelligenz und Arbeitswelten. Durch den Abend führte die Moderatorin Dorothée Frei-Stahl.

Es gibt KI-Veranstaltungen, bei denen sich die Diskussion ausschliesslich um Technologie dreht. Um Algorithmen, Daten, Automatisierung oder Robotik. Die Erwartung ist klar: Wer über Künstliche Intelligenz spricht, wird früher oder später über Maschinen sprechen.

An diesem Abend geschieht jedoch etwas Interessantes. Je länger die Diskussion dauert, desto stärker verschiebt sich der Fokus. Aus der Frage nach der intelligenten Fabrik entwickelt sich eine Debatte über Kreativität, Unternehmenskultur, Vertrauen und Führung. Am Ende steht der Mensch im Mittelpunkt. Der Titel des Podiums lautet provokant: „Räume für Menschen oder Räume für Maschinen?“ Schon nach wenigen Minuten zeigt sich jedoch, dass diese Gegenüberstellung zu kurz greift. Die Zukunft entsteht dort, wo Menschen und Maschinen ihre jeweiligen Stärken miteinander verbinden.

 

Die Fabrik beginnt beim Menschen

Wer heute Industrie plant, entwirft längst mehr als Produktionsprozesse. Es entstehen Arbeitswelten. Für Kai-Uwe Lompa, der seit vielen Jahren komplexe Industrie- und Verwaltungsgebäude plant, beginnt deshalb jede Überlegung an derselben Stelle: beim Menschen.

 

„Wir bauen keine Gebäude für Maschinen“, sagt er. „Wir bauen Gebäude für Menschen, die darin arbeiten.“ Der Satz wirkt zunächst selbstverständlich. Tatsächlich beschreibt er einen grundlegenden Wandel. Über Jahrzehnte wurden Fabriken vor allem aus der Logik der Produktion heraus entwickelt. Materialflüsse, Maschinenaufstellungen und Taktzeiten bestimmten die Architektur. Der Mensch hatte darin seinen Platz, stand jedoch selten im Mittelpunkt. Heute verändert sich diese Perspektive grundlegend. Unternehmen konkurrieren längst nicht mehr ausschließlich über Produkte oder Produktionskosten. Immer stärker entscheidet der Wettbewerb um Talente über ihren Erfolg. Der Arbeitsplatz selbst entwickelt sich dadurch zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor. Architektur übernimmt Aufgaben, die früher überwiegend der Personalentwicklung zugeschrieben wurden.

 

Räume sollen Kreativität ermöglichen, Begegnungen fördern, Rückzug zulassen und Konzentration ebenso unterstützen wie spontane Gespräche. „Menschen entscheiden sich heute auch deshalb für einen Arbeitgeber, weil sie sich dort wohlfühlen“, beschreibt Lompa diese Entwicklung. „Die Arbeitsumgebung wird immer wichtiger.“ Was lange als weicher Faktor galt, entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Erfolgsfaktor.

 

Wenn Gebäude anfangen zu denken

Parallel verändert sich die Planung selbst. Noch vor wenigen Jahren bedeutete Digitalisierung in vielen Büros vor allem dreidimensionale Modelle. Heute entstehen digitale Zwillinge. Morgen werden daraus umfassende Wissensmodelle. Lompa beschreibt diesen Wandel beinahe beiläufig – gerade deshalb wird seine Tragweite deutlich. Building Information Modeling (BIM) gehört inzwischen zum Alltag. Die eigentliche Entwicklung beginnt jedoch erst jetzt. Das Gebäudemodell entwickelt sich Schritt für Schritt von einer digitalen Zeichnung zu einer zentralen Informationsplattform.

 

Aus einer gemeinsam erstellten Datenbasis entstehen Leistungsverzeichnisse, Terminpläne, Kostenberechnungen, Dokumentationen, Betriebsinformationen und Wartungszyklen. Das Modell wird zum Gedächtnis des gesamten Projekts. Künstliche Intelligenz beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich. Im eigenen Büro werden Baustellenprotokolle bereits automatisiert erstellt. KI unterstützt das Controlling, wertet Informationen aus und hilft dabei, große Datenmengen innerhalb kürzester Zeit zu strukturieren.

 

„Wir probieren im Moment sehr viele Anwendungen aus“, erzählt Lompa. „Und wir merken, wie schnell diese Systeme besser werden.“ Dennoch versteht er KI vor allem als Werkzeug – als ein außergewöhnlich leistungsfähiges Werkzeug. Gerade darin liegt eine Gelassenheit. Während öffentliche Debatten häufig zwischen Euphorie und Untergangsszenarien schwanken, sprechen Praktiker nüchtern über Künstliche Intelligenz. Im Vordergrund steht für sie die Frage, welche Aufgaben sich mit ihrer Unterstützung besser lösen lassen und wie sich Arbeitsprozesse sinnvoll weiterentwickeln.

 

Die eigentliche Ressource heißt Kreativität

Trotz aller Digitalisierung gibt es einen Bereich, den Lompa bewusst jeder Automatisierung entzieht: die Kreativität. Sie entsteht nicht am Bildschirm, sondern im Austausch zwischen Menschen. Beim gemeinsamen Kaffee. Vor einem Whiteboard. Während eines Rundgangs. Oder in den wenigen Minuten zwischen zwei Besprechungen. „Die besten Ideen entstehen meistens dann, wenn Menschen zusammenkommen“, sagt er. Dieser Gedanke zieht sich wie ein unsichtbarer Faden durch den gesamten Abend. Je intelligenter Maschinen werden, desto wertvoller erscheinen jene Fähigkeiten, die sich nicht programmieren lassen: Neugier, Intuition, Vertrauen, Improvisation und Empathie.

 

Vielleicht verändert Künstliche Intelligenz den Wert menschlicher Arbeit deshalb weniger, als sie ihre Schwerpunkte verschiebt. Routineaufgaben treten zunehmend in den Hintergrund, während Begegnung, Austausch und gemeinsames Denken an Bedeutung gewinnen. Damit erhalten Räume eine neue Funktion. Sie dienen längst nicht mehr ausschließlich als Orte, an denen gearbeitet wird. Immer häufiger werden sie zu Orten, an denen neue Ideen entstehen.

 

Die Kultur entscheidet

An diesem Punkt erweitert Dr. Beitinger die Perspektive. Seit Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in industriellen Prozessen. Wer nun vor allem eine Analyse neuer Technologien erwartet, erlebt eine Überraschung. Seine wichtigste Erkenntnis stammt nicht aus der Informatik, sondern aus der Organisationsentwicklung. Gemeinsam mit Forschenden der Universität Liechtenstein untersuchte er über fünf Jahre hinweg Unternehmen bei der Einführung von KI-Systemen. Das Ergebnis fiel eindeutig aus. Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet vor allem die Kultur eines Unternehmens. Technologie, Datenqualität oder Rechenleistung spielen selbstverständlich eine wichtige Rolle – den Ausschlag geben sie jedoch nur selten.

 

„Eigentlich war das die größte Erkenntnis unserer Studie“, sagt Beitinger. „Nicht die Technologie scheitert. Sondern häufig die Unternehmenskultur.“ Er beschreibt damit einen Mechanismus, der sich in vielen Transformationsprozessen beobachten lässt. Technische Lösungen können beschafft werden. Vertrauen und Akzeptanz entstehen dagegen nur innerhalb einer Organisation. Genau deshalb geraten viele KI-Projekte weniger an technischen als an menschlichen Grenzen.

 

Vertrauen schlägt Technologie

Warum scheitern so viele Transformationsprojekte, obwohl die Technik funktioniert? Für Beitinger liegt die Antwort nur selten in der Software. Viel häufiger entscheidet der Umgang der Menschen mit den neuen Möglichkeiten über den Erfolg. „Viele glauben, wir müssten zuerst die Technologie verstehen“, sagt er. „Ich glaube, wir müssen zuerst verstehen, wie Menschen auf Veränderung reagieren.“ Künstliche Intelligenz verändert schließlich nicht nur Prozesse. Sie verändert vertraute Rollen und stellt Gewissheiten infrage.

 

Wer jahrzehntelang Erfahrung aufgebaut hat, erlebt plötzlich, dass ein Sprachmodell innerhalb weniger Sekunden Analysen erstellt, Präsentationen formuliert oder komplexe Informationen zusammenfasst. Das weckt Faszination, kann aber ebenso Unsicherheit auslösen. „Der eigentliche Grund ist oft Kontrollverlust“, beschreibt Beitinger die Situation. „Menschen haben Angst, dass etwas Entscheidungen trifft, die bisher ihre Aufgabe waren. Sie fragen sich: Welche Rolle spiele ich künftig noch?“ Bemerkenswert ist dabei, dass sich diese Skepsis vor allem im Berufsleben zeigt. Im privaten Alltag nutzen die meisten Menschen Künstliche Intelligenz längst ganz selbstverständlich. Sie lassen sich Navigationsrouten berechnen, Fotos sortieren, Musik empfehlen oder Texte formulieren, ohne diese Unterstützung grundsätzlich infrage zu stellen.

 

Im Unternehmen wird dieselbe Technologie dagegen schnell zur Grundsatzfrage. Für Beitinger zeigt sich darin, dass es bei KI nie ausschließlich um Software geht. Entscheidend sind Vertrauen, Verantwortung und die Fähigkeit einer Organisation, mit Veränderung konstruktiv umzugehen.

 

Wenn Menschen verstehen, warum

Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre leitet Beitinger drei Voraussetzungen ab, ohne die eine erfolgreiche Einführung von KI kaum gelingen wird. Die erste klingt selbstverständlich und ist doch anspruchsvoll: eine gemeinsame Sprache. „Wir benutzen oft dieselben Begriffe und meinen völlig unterschiedliche Dinge“, sagt er. Was bedeutet eigentlich Intelligenz? Was verstehen wir unter Automatisierung? Wo beginnt Verantwortung? Wo endet Assistenz? Gerade in interdisziplinären Teams entstehen Missverständnisse häufig weniger durch die Technik als durch unterschiedliche Begriffsverständnisse.

 

Der zweite Punkt betrifft Transparenz. Menschen akzeptieren Entscheidungen deutlich leichter, wenn sie nachvollziehen können, wie diese zustande gekommen sind. Deshalb spielt Explainable AI – erklärbare Künstliche Intelligenz – gerade in der Industrie eine entscheidende Rolle. Wer Qualität verantwortet, muss nachvollziehen können, weshalb ein System zu einer bestimmten Empfehlung gelangt ist.

 

Ein dritter Grundsatz bleibt für Beitinger unverzichtbar: Verantwortung lässt sich nicht delegieren. „KI kann unterstützen“, sagt er. „Aber Verantwortung bleibt menschlich.“ Dabei geht es weniger um die Frage, ob Maschinen grundsätzlich schlechter entscheiden würden. Verantwortung ist immer an Menschen gebunden – und genau dort muss sie auch künftig bleiben.

 

Führung wird neu gedacht

Mit der Technologie verändert sich zwangsläufig auch Führung. Dieser Wandel geschieht weder abrupt noch revolutionär, sondern Schritt für Schritt. Beitinger erwartet deshalb deutlich flachere Organisationsstrukturen, als viele Unternehmen sie heute noch kennen. Informationen werden künftig nahezu überall gleichzeitig verfügbar sein. Wissen verliert dadurch seinen exklusiven Charakter. Führung wird sich deshalb stärker darauf konzentrieren, Orientierung zu geben, Verbindungen herzustellen und Entscheidungen einzuordnen.

 

„Wir werden demokratischer führen müssen“, sagt Beitinger. Gemeint ist keine basisdemokratische Abstimmungskultur, sondern eine stärkere Beteiligung der Menschen. Mitarbeitende möchten verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden. Sie wollen mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Genau diese Kultur werde künftig maßgeblich über die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens entscheiden.

 

Potenzial schlägt Lebenslauf

Diese Veränderung beginnt bereits beim Recruiting. Noch immer orientieren sich viele Unternehmen an möglichst geradlinigen Lebensläufen. Für Beitinger greift dieses Denken zu kurz. Wie lernt jemand? Wie entwickelt er sich? Wie geht er mit neuen Situationen um? Kann er Probleme lösen? Ist er neugierig? Hat er Freude daran, sich auf unbekannte Themen einzulassen? In einer Welt, in der sich Technologien innerhalb weniger Monate verändern, verliert statisches Wissen zunehmend an Bedeutung. Wichtiger werden Menschen, die bereit sind, Neues aufzunehmen, Erfahrungen weiterzuentwickeln und ihr Wissen flexibel anzuwenden. Entscheidend ist ihre Fähigkeit zur Entwicklung.

 

Wenn Wissen in Sekunden verfügbar wird

„Und deren Fähigkeit, dieses Wissen immer flexibler und schneller zu verarbeiten.“ wirft KI-Experte Dr. Stummeyer ein. „Mit jeder neuen Entwicklungsstufe der Künstlichen Intelligenz wächst auch unsere Verantwortung, mit ihr Schritt zu halten.“ Heutige Systeme recherchieren Informationen aus dem Internet, beziehen aktuelle Quellen ein und kombinieren diese mit immer leistungsfähigeren Fähigkeiten zum logischen Schlussfolgern. Gerade diese beiden Entwicklungen seien für Unternehmen von entscheidender Bedeutung. „Unternehmen brauchen aktuelle Informationen“, sagt Stummeyer. „Und sie müssen sich darauf verlassen können, dass die Schlussfolgerungen eines Systems logisch nachvollziehbar sind.“ Damit entwickle sich Künstliche Intelligenz zunehmend von einer reinen Formulierungshilfe zu einem intelligenten Arbeitswerkzeug.

 

Der neue Kollege arbeitet digital

Besonders deutlich werde dieser Wandel dort, wo täglich mit Sprache gearbeitet wird. Ob Texte zusammenfassen, Präsentationen vorbereiten oder umfangreiche Dokumente strukturieren – Sprachmodelle übernehmen inzwischen Aufgaben, die früher viel Zeit beanspruchten. Auch im Recruiting eröffnen sich neue Möglichkeiten. Stellenanzeigen lassen sich zielgruppengerecht formulieren, Texte sprachlich optimieren oder neue Ideen für die Bewerberansprache entwickeln. Selbst bei der Frage, über welche Kanäle sich geeignete Kandidatinnen und Kandidaten erreichen lassen, liefern moderne Sprachmodelle oft überraschend differenzierte Vorschläge. Für Stummeyer ist das kein Ersatz menschlicher Entscheidungen. Es ist eine intelligente Unterstützung.

 

„KI macht Mitarbeitende nicht überflüssig“, betont er. „Sie macht sie besser.“ Sie eröffnet neue Perspektiven, beschleunigt Arbeitsabläufe und unterstützt dabei, Zusammenhänge zu erkennen, die zuvor vielleicht verborgen geblieben wären. Gerade darin sieht er eines der größten Potenziale generativer Künstlicher Intelligenz.

 

Lernen hört nicht auf

Auch Kai-Uwe Lompa erlebt diesen Wandel täglich im eigenen Unternehmen. Er beschreibt eine Entwicklung, die viele Planungsbüros und Industrieunternehmen gleichermaßen beschäftigt. „Die Ausbildung vermittelt heute oft nicht mehr alles, was wir im Projektalltag brauchen.“ Die Konsequenz besteht jedoch nicht darin, über Defizite zu klagen. Stattdessen wird Lernen zu einem festen Bestandteil der täglichen Arbeit.

 

Im Unternehmen wurden regelmäßige Lernformate etabliert – wöchentlich, monatlich und quartalsweise. Projektteams treffen sich, analysieren Fehler, diskutieren gelungene Lösungen und übertragen ihre Erfahrungen auf andere Projekte. Im Mittelpunkt stehen weder Schuldzuweisungen noch Bewertungen, sondern gemeinsames Lernen. Besonders wertvoll sei dabei der Austausch zwischen unterschiedlichen Projekten und Disziplinen. Inzwischen werden zunehmend auch externe Partner eingebunden. Innovation entsteht häufig dort, wo unterschiedliche Erfahrungen aufeinandertreffen und voneinander profitieren.

 

„Wir werden gar nicht mehr aus diesem Prozess herauskommen“, sagt Lompa. „Weiterbildung wird kein zusätzlicher Baustein sein. Sie wird Teil der täglichen Arbeit.“

 

Wissen verlässt die Silos

Beitinger greift diesen Gedanken auf und führt ihn weiter. Viele Unternehmen verfügen über enormes Wissen. Häufig bleibt es jedoch in einzelnen Abteilungen oder sogar bei einzelnen Personen verborgen.

 

„Wir müssen dieses Wissen aus den Silos holen.“ Erst wenn Menschen beginnen, über ihre Fachgrenzen hinaus mitzudenken, entstehen bessere Prozesse. Probleme werden früher erkannt, Schnittstellen funktionieren reibungsloser und viele Fehler lassen sich bereits im Vorfeld vermeiden. Auch hier verändert Künstliche Intelligenz vor allem die Geschwindigkeit, mit der Wissen verfügbar wird. Informationen werden leichter zugänglich. Den eigentlichen Mehrwert schaffen weiterhin Menschen, die dieses Wissen miteinander verbinden, bewerten und in neue Zusammenhänge bringen.

 

Wissen ist überall. Denken nicht.

Wenn Wissen jederzeit verfügbar ist – wofür brauchen wir dann überhaupt noch Bildung? Diese Frage schwebt über der gesamten Diskussion. Sie richtet sich an Schulen und Hochschulen ebenso wie an Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt.

 

Prof. Stummeyer beschäftigt sich täglich mit genau dieser Entwicklung. Er erlebt sie in Hörsälen, Prüfungen und im Umgang einer Generation, die mit Künstlicher Intelligenz aufwächst. Seine Beobachtung ist ebenso einfach wie irritierend. „Heute verfügen Studierende über Werkzeuge, die nahezu alles können“, sagt er. Sie strukturieren Texte, übersetzen, programmieren, formulieren Präsentationen, entwickeln erste Entwürfe und beantworten komplexe Fragestellungen innerhalb weniger Sekunden. Gerade deshalb gewinnt eine andere Fähigkeit immer stärker an Bedeutung: selbstständig zu denken.

 

„Wir dürfen nicht den Fehler machen zu glauben, dass diese Systeme menschliche Kulturtechniken ersetzen.“ Lesen, Schreiben, Argumentieren, Strukturieren und das Erkennen von Zusammenhängen bleiben grundlegende Fähigkeiten des Menschen. Gerade sie bilden die Voraussetzung dafür, Künstliche Intelligenz sinnvoll und verantwortungsvoll einzusetzen.

 

Die Klausur kennt keine Ausreden

Stummeyer erzählt von einer Entwicklung, die derzeit viele Hochschulen beobachten. Über Jahre hinweg blieben die Ergebnisse seiner Klausuren konstant. Selbst während der Corona-Pandemie veränderten sich die Durchfallquoten kaum. Seit der breiten Nutzung großer Sprachmodelle zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Immer mehr Studierende scheitern an den Prüfungen, obwohl die Aufgaben unverändert geblieben sind. Viele Hausarbeiten entstehen inzwischen mit Unterstützung von KI-Systemen. Das Ergebnis wirkt häufig überzeugend. Gleichzeitig bleibt die eigentliche Denkarbeit mitunter auf der Strecke.

 

„In der Klausur zeigt sich dann sehr schnell, ob jemand den Stoff wirklich verstanden hat.“ Die Maschine kann Formulierungen liefern. Verstehen muss der Mensch. Für Stummeyer ist das keine Kritik an Künstlicher Intelligenz. Vielmehr macht sie sichtbar, welche Fähigkeiten dauerhaft unverzichtbar bleiben.

 

Die eigentliche Kompetenz heißt Urteilsvermögen

Je leistungsfähiger KI wird, desto weniger entscheidet reines Faktenwissen über Qualität. Immer wichtiger wird die Fähigkeit, Ergebnisse einzuordnen. Ist eine Antwort plausibel? Fehlt ein entscheidender Aspekt? Welche Annahmen liegen ihr zugrunde? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Diese Form des Denkens lässt sich nicht automatisieren. Sie wächst mit Erfahrung, Reflexion und Diskussion. Gerade deshalb gewinnt Bildung paradoxerweise an Bedeutung, obwohl Wissen jederzeit verfügbar ist.

 

Der Arbeitsplatz wird zum Treffpunkt

Während die Diskussion über Bildung noch nachwirkt, richtet sich der Blick erneut auf die Arbeitswelt. Wie wird eigentlich der Arbeitsplatz des Jahres 2040 aussehen? Die Antworten auf dem Podium ähneln sich. Niemand spricht über mehr Schreibtische oder größere Bildschirme. Auch Büros voller Menschen, die schweigend vor Computern sitzen, spielen in diesen Zukunftsbildern keine Rolle.

 

Stattdessen entsteht ein anderes Bild. Kai-Uwe Lompa berichtet von Exoskeletten, die körperlich belastende Tätigkeiten übernehmen. Digitale Assistenten unterstützen Planungsprozesse. Intelligente Systeme liefern Wissen genau in dem Moment, in dem es benötigt wird – vielleicht über Datenbrillen, vielleicht über Sprachassistenten oder über Technologien, die wir heute noch gar nicht kennen. Der Mensch wird dadurch körperlich, intellektuell und organisatorisch erweitert.

 

„Wir werden mit deutlich mehr Wissen arbeiten als heute“, sagt Lompa. „Und genau das wird unsere Produktivität erhöhen.“ Warum Menschen trotzdem ins Büro kommen Wenn Wissen überall verfügbar ist – warum sollten Menschen überhaupt noch gemeinsam arbeiten? Dr. Beitinger beantwortet diese Frage mit einer Beobachtung aus seinem eigenen Arbeitsalltag „Niemand kommt künftig ins Büro, um dort E-Mails zu schreiben.“ Das kann jeder auch von zu Hause, am See oder im Zug erledigen.

 

Der eigentliche Wert gemeinsamer Arbeitsorte liegt im persönlichen Austausch, in spontanen Begegnungen und in den Ideen, die daraus entstehen. In modernen Arbeitswelten treffen Disziplinen aufeinander, die früher kaum Berührungspunkte hatten. Ingenieure sprechen mit Designern. Softwareentwickler diskutieren mit Produktionsplanern. Architekten arbeiten mit Datenanalysten zusammen. Aus diesen oft zufälligen Begegnungen entstehen neue Gedanken, neue Produkte und neue Geschäftsmodelle. „Kreativität zieht Kreativität an“, sagt Beitinger. Innovationsräume funktionieren deshalb vor allem durch die Menschen, die sich dort begegnen und gemeinsam weiterdenken.

 

Damit schließt sich der Kreis zur Architektur. Gebäude entwickeln sich zunehmend zu Orten, an denen Zusammenarbeit, Austausch und gemeinsames Denken möglich werden.

 

Was Maschinen nicht können

Die Diskussion nähert sich ihrem Ende. Noch einmal richtet sich der Blick auf die Frage, die den gesamten Abend begleitet hat. Welche Rolle bleibt dem Menschen, wenn Maschinen immer intelligenter werden? Die Antworten fallen eindeutig aus. Mit jeder Routinetätigkeit, die Maschinen übernehmen, gewinnen menschliche Fähigkeiten weiter an Bedeutung.

 

Vielleicht beschreibt genau das die eigentliche Entwicklung: Mit den neuen Möglichkeiten der Technologie verändert sich vor allem die Rolle des Menschen. Seine Fähigkeiten werden dadurch nicht kleiner, sondern in vielen Bereichen sogar wertvoller.

 

Lebenslang neugierig bleiben

Den Schlusspunkt setzt Prof. Dr. Stummeyer mit einem Gedanken, der weit über die Diskussion über Künstliche Intelligenz hinausreicht. „Mehr denn je“, sagt er, „sprechen wir im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz vom lebenslangen Lernen.“ Beitinger nickt und formuliert es etwas anders: „Man könnte auch sagen: Es geht darum, ein Leben lang neugierig zu bleiben.“ Diese Gedanken bringen den gesamten Abend auf den Punkt. Im Mittelpunkt stand nie allein die Frage, wie Künstliche Intelligenz die Welt verändern wird. Entscheidend ist vielmehr, ob wir bereit sind, uns gemeinsam mit ihr weiterzuentwickeln.

 

Die Fabrik der Zukunft wird deshalb zu einem Ort, an dem Technologie Menschen dabei unterstützt, neugierig zu bleiben, voneinander zu lernen und gemeinsam Ideen zu entwickeln.

 

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Definition von Fortschritt.

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