aib diskursiv
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aib zählt zu den TOP-100- Innovatoren 2026.
IHRE STIMME VON DER EXPO 2025
Sehr geehrter Michael Hertl,
vielen Dank für die Teilnahme an unserem Interview auf der Expo Real 2025.
Wir haben Ihre aufgenommenen Aussagen transkribiert und möchten diese nun gerne im Rahmen unserer Unternehmenskommunikation verwenden. Hierzu zählen unsere Social Media Kanäle (Linkedin, Instagram) sowie unser Magazin aib diskursiv (Print und Online)
Zur Abstimmung mit Ihnen erhalten Sie anbei Ihre Aussagen in Textform.
Bitte korrigieren Sie den Text bei Bedarf (Änderungen rot markieren) und senden Sie die Korrekturen zurück an uns über das Formular.
Anbei erhalten Sie ebenfalls Ihr erstelltes Portrait zu Ihrer freien Verfügung. Der Fotogtraf Markus Heinbach erteilt Ihnen hiermit das uneingeschränkte Nutzungsrecht.

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Interview: Greta Galus
Fotografie: Markus Heinbach
Wenn Stadt wieder Vertrauen schafft: Nachhaltigkeit durch Nähe, Kooperation und Mut
Mein Name ist Michael Hertl, ich komme aus Pforzheim und verantworte im Eigenbetrieb „Wirtschaft und Stadtmarketing“ der Stadt Pforzheim? den Bereich Innenstadtentwicklung. Unser Ziel ist klar: Wir wollen eine multifunktionale, zukunftsfähige und nachhaltige Innenstadt. Als Eigenbetrieb bündeln wir Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing, Tourismus und Kongressmarketing – und genau diese integrierte Struktur ist entscheidend, um Stadtentwicklung heute überhaupt noch wirksam gestalten zu können.
Die Herausforderungen sind bekannt und dennoch enorm: Die Kaufkraft ist in den Onlinehandel abgewandert, die Aufenthaltsqualität in vielen Innenstädten wird kritischer wahrgenommen, Sicherheits- und Sauberkeitsthemen nehmen zu, die Bevölkerung verändert sich. Gleichzeitig stehen wir vor massiven strukturellen Leerständen. In Pforzheim betrifft das nicht nur kleine Ladenflächen, sondern große innerstädtische Immobilien wie ehemalige Kaufhäuser oder Filialisten-Standorte. Diese Gebäude lassen sich nicht mehr mit klassischem Einzelhandel füllen – fünf Geschosse Retail funktionieren schlicht nicht mehr.
Deshalb suchen wir gezielt nach neuen Strategien und Projektentwicklern, die diese Immobilien neu denken: Entkernung, Umbau, Neubau, vor allem aber Mischnutzungen. Wohnen, Arbeiten, Bildung, Dienstleistungen, Kultur, öffentliche und nicht-kommerzielle Räume – der sogenannte „dritte Raum“ gewinnt stark an Bedeutung. Unser Anspruch ist es, Lösungen zu entwickeln, die nicht nur wirtschaftlich tragfähig sind, sondern auch städtebaulich und sozial zur Umgebung passen.
Stadtentwicklung ist dabei immer ein Zusammenspiel vieler Akteure. Als Eigenbetrieb verstehen wir uns als Vermittler: zwischen Investoren, Projektentwicklern, Immobilieneigentümern, der Verwaltung, politischen Gremien und den Nutzern der Stadt. Die Stadt selbst ist nicht nur Genehmigungsbehörde, sondern aktiver Partner. Gleichzeitig ist die Komplexität enorm: Nachhaltigkeit, Fahrradstellplätze, Begrünung, Dachflächen, Solarenergie, Mobilität – das können wir als Stadtmarketing nicht allein abbilden. Deshalb sind Generalplaner, Projektentwickler und koordinierende Akteure unverzichtbar.
Ein Beispiel dafür ist unser Zentrum für Präzisionstechnik, das wir gemeinsam mit einem Projektentwickler realisiert haben – in enger Kooperation mit Hochschule und Unternehmen. Der Projektentwickler hat die baulichen, technischen und zeitlichen Aspekte koordiniert, während wir uns auf Inhalte, Netzwerke und Nutzung konzentrieren konnten. Genau so funktioniert nachhaltige Stadtentwicklung: arbeitsteilig, integriert und zielorientiert.
Ein weiterer Schlüssel ist Geschwindigkeit. Stadtentwicklung dauert oft zu lange. Wenn etwas umgesetzt wird, ist es in manchen Fällen bereits zu spät. Deshalb setzen wir zunehmend auf temporäre Nutzungen und Pop-up-Konzepte. Neben den großen Leerständen gibt es viele kleinere Flächen, für die wir Nachfrage haben – etwa von Studierenden unserer Hochschule, insbesondere aus dem Modedesign, die Ausstellungsflächen für ihre Arbeiten suchen. Die Herausforderung ist hier weniger der Bedarf als vielmehr die Vermittlung: Immobilieneigentümer, Nutzer und Stadt müssen schneller und pragmatischer zusammenkommen.
Nachhaltige Innenstadtentwicklung bedeutet für mich daher nicht nur ökologische Maßnahmen, sondern vor allem neue Nutzungsmodelle, Kooperation, Geschwindigkeit und Offenheit. Wir müssen bestehende Gebäude weiterdenken, neue Allianzen bilden und Räume schaffen, die wirtschaftlich tragfähig, sozial wirksam und langfristig anpassungsfähig sind. Nur so bleiben Innenstädte lebendig.
Ein zentraler Hebel für eine nachhaltige Innenstadtentwicklung ist aus meiner Sicht das niedrigschwellige Ausprobieren. Viele junge Unternehmen, Kreative oder Gründer wissen schlicht nicht, wie viel Fläche sie brauchen, ob ihre Produkte funktionieren oder ob ein Standort zu ihnen passt. Genau hier setzen wir an. In Pforzheim haben wir deshalb selbst Verantwortung übernommen und ein leerstehendes, dreigeschossiges Gebäude angemietet, um gezielt Pop-up-Nutzungen zu ermöglichen.
Für einen sehr geringen Betrag – etwa 50 Euro im Monat – können Gründerinnen und Gründer ihre Ideen drei Monate lang testen: manchmal reicht ein Schaufenster, manchmal ein kleiner Raum. Danach wissen sie, ob der Standort funktioniert, welche Fläche sie benötigen und was wirtschaftlich machbar ist. Wenn es passt, helfen wir beim nächsten Schritt – etwa bei der Anmietung einer größeren Fläche. So können wir neue Nutzungen im Quartier halten und Leerstände nachhaltig beleben.
Parallel dazu haben wir gezielt Förderstrukturen für unterschiedliche Zielgruppen aufgebaut: ein Kreativzentrum für kreative Gründerinnen und Gründer mit Unterstützung bei rechtlichen, organisatorischen und unternehmerischen Fragen, das Innotec als Cluster für Medien- und IT-Unternehmen mit zeitlich begrenzter Ansiedlung als Anschubfinanzierung sowie weitere Zentren - wie das ZPT für technologieorientierte und junge Unternehmen.
Unser Ziel ist es, Gründungen nicht nur zu ermöglichen, sondern sie systematisch zu begleiten – zeitlich begrenzt, aber wirksam.
Pforzheim hat dabei klare Stärken: Design, Automotive, Controlling und Modedesign sind prägende Fachrichtungen, viele Designer großer Marken kommen aus unserer Stadt. Gleichzeitig stehen wir – wie viele Städte beispielsweise im Ruhrgebiet oder in anderen Regionen – vor einem Identitätsproblem. Große Teile der Bevölkerung empfinden ihre eigene Stadt als wenig attraktiv. Funktionalbauten aus den 60er- und 70er-Jahren, fehlende Altstadt, wenig identitätsstiftende Architektur – all das erschwert die emotionale Bindung an den Ort.
Genau deshalb spielt Architektur als Imageträger eine zentrale Rolle. Wir arbeiten bewusst mit Hochschulen und Studierenden zusammen und lassen leerstehende Gebäude neu denken: Architektur-Studierende entwickeln innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Nutzungsideen, Perspektiven und Visualisierungen. Diese Entwürfe schaffen Gesprächsanlässe, gemeinsame Bilder und neue Narrative für Orte, die zuvor als „Problem-Immobilien“ galten – etwa große Kaufhausstandorte.
Gerade bei prominenten Leerständen, wie ehemaligen Kaufhäusern, haben wir erlebt, wie kraftvoll solche Bilder wirken können. Sie ersetzen noch keine Umsetzung, aber sie öffnen Köpfe. Das eigentliche Problem liegt häufig danach: Ideen scheitern nicht am Mangel an Kreativität, sondern an der fehlenden Umsetzungskraft. Wenn wir zu lange warten, sind die Akteure weg – und mit ihnen die Idee.
Nachhaltige Stadtentwicklung bedeutet für mich deshalb: mutig ausprobieren, temporäre Nutzungen zulassen, Verantwortung übernehmen und Dinge einfach machen. Aufenthaltsqualität entsteht nicht allein durch Konzepte, sondern durch sichtbare Veränderungen. Wenn Menschen anfangen, sich wieder mit ihrer Stadt zu identifizieren, dann entsteht auch nach außen ein anderes Bild. Und genau dort beginnt echte Nachhaltigkeit – sozial, wirtschaftlich und räumlich.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor für nachhaltige Stadtentwicklung ist aus meiner Sicht die aktive Vermittlung zwischen Stadt und Wirtschaft. Viele Unternehmen kommen nicht zur Stadt, weil alles gut läuft, sondern weil es hakt: Ärger mit Genehmigungen, Unzufriedenheit mit Abläufen, Zielkonflikte bei Nutzungen. Genau hier braucht es eine Instanz, die zunächst den Druck rausnimmt, zuhört und strukturiert. Wir fangen den ersten Ärger ab, sprechen mit den Beteiligten und setzen uns dann gemeinsam mit der Stadt an einen Tisch. In den meisten Fällen lässt sich so eine tragfähige Lösung finden.
Ich kenne durchaus positive Beispiele aus anderen Städten – deshalb bin ich manchmal auch ehrlich gesagt überrascht, wie schwer wir uns insgesamt noch tun. Am Ende müssen wir wieder stärker dahin kommen, Stadt als Identität zu begreifen: als offenen, nahbaren Raum, der Projekte ermöglicht, statt sie auszubremsen. Dafür braucht es alle relevanten Player – Verwaltung, Wirtschaft, Eigentümer, Politik – und es braucht kontinuierliche Vernetzung. Neue Ideen entstehen nicht einmal, sondern immer wieder. Und sie müssen vorangebracht werden.
Problematisch wird es, wenn Strukturen zum Selbstzweck werden. Wenn Verwaltung, Marketing oder Organisationen nur noch ihre eigenen Prozesse absichern, statt die Stadt als Ganzes im Blick zu behalten, dann schadet das allen. Stadt funktioniert nur, wenn die Maßnahmen vor Ort auch wirklich Sinn ergeben. Ein einfaches Beispiel: Wenn ein zentraler Platz als Marktplatz genutzt wird, aber so klein ist, dass umliegende Geschäfte regelmäßig blockiert werden, dann muss man sich fragen, wem diese Maßnahme eigentlich nützt. Stadtentwicklung darf nicht gegen die Akteure vor Ort arbeiten – weder gegen Unternehmen noch gegen Bürgerinnen und Bürger.
Deshalb ist es so wichtig, jede Aktion zu hinterfragen: Was bringt sie wirklich für den Standort? Trägt sie zur Belebung bei? Verbessert sie die Aufenthaltsqualität? Unterstützt sie die lokale Wirtschaft? Nachhaltigkeit bedeutet hier vor allem Ausgewogenheit: zwischen Nutzung und Rücksichtnahme, zwischen öffentlichem Raum und wirtschaftlicher Tragfähigkeit, zwischen guten Ideen und ihrer praktischen Wirkung.
Eine zukunftsfähige Stadt braucht Offenheit für Projekte, kurze Wege in der Kommunikation und das gemeinsame Ziel, den Standort als lebendigen, identitätsstiftenden Ort weiterzuentwickeln. Genau darin sehe ich unsere Aufgabe als Vermittler – und darin liegt aus meiner Sicht auch der Schlüssel für nachhaltige Stadtentwicklung.




