aib diskursiv
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aib zählt zu den TOP-100- Innovatoren 2026.
IHRE STIMME VON DER EXPO 2025
Sehr geehrter Christoph Röhr,
vielen Dank für die Teilnahme an unserem Interview auf der Expo Real 2025.
Wir haben Ihre aufgenommenen Aussagen transkribiert und möchten diese nun gerne im Rahmen unserer Unternehmenskommunikation verwenden. Hierzu zählen unsere Social Media Kanäle (Linkedin, Instagram) sowie unser Magazin aib diskursiv (Print und Online)
Zur Abstimmung mit Ihnen erhalten Sie anbei Ihre Aussagen in Textform.
Bitte korrigieren Sie den Text bei Bedarf (Änderungen rot markieren) und senden Sie die Korrekturen zurück an uns über das Formular.
Anbei erhalten Sie ebenfalls Ihr erstelltes Portrait zu Ihrer freien Verfügung. Der Fotogtraf Markus Heinbach erteilt Ihnen hiermit das uneingeschränkte Nutzungsrecht.

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Interview: Greta Galus
Fotografie: Markus Heinbach
Nachhaltigkeit bedeutet für uns vor allem die Fähigkeit, Bestands-Immobilien zukunftsfähig zu transformieren und dabei ökologisch verantwortlich zu handeln.
Nachhaltigkeit bedeutet für uns vor allem die Fähigkeit, Bestands-Immobilien zukunftsfähig zu transformieren und dabei ökologisch verantwortlich zu handeln.
Unser Unternehmen habe ich 2006 gegründet – mittlerweile fast zwanzig Jahre. Was als klassischer Projektentwickler für innerstädtische Einzelhandelsimmobilien begann, hat sich längst weiterentwickelt: Hotels, Büros, Wohnungsbau, Senior Living, Service-Apartments und hybride Nutzungsformen sind heute Teil unseres Portfolios. Entscheidend ist dabei unser Fokus auf den Bestand.
Schon 2007 haben wir mit Revitalisierungen begonnen – Gebäude aus den 1920ern, 50ern, 70ern, denkmalgeschützte Objekte in Flensburg, Erfurt. Diese Arbeit im Bestand ist kein Trend für uns, sondern Teil unserer DNA. Wir kennen die Herausforderungen unterschiedlichster Baujahre, und genau das macht uns für viele institutionelle Auftraggeber interessant, die Transformationen brauchen statt Neubau.
Der zweite zentrale Baustein ist unsere konsequente Arbeit mit BIM seit 2017/18. Wir waren früh dabei, haben mit der Bergischen Universität Wuppertal am Mittelstands-Leitfaden mitgearbeitet und setzen BIM seitdem ein. Die Kombination aus jahrzehntelanger Bestandserfahrung und digitaler Prozesskompetenz ist ein Profil, das im Markt selten ist – und das heute dringend benötigt wird.
Nachhaltige Entwicklung heißt für uns: Bestand verstehen, Prozesse digitalisieren, Entscheidungen fundiert treffen. Viele Entwickler reden über Nachhaltigkeit, aber schauen weiterhin primär auf Neubauflächen. Wir dagegen sehen den größten Hebel im Bestand. Denn dort werden CO₂, Städtebild, graue Energie und soziale Komponenten wirklich beeinflusst.
Dazu gehört auch, präsent zu sein. Wir haben unser Tätigkeitsfeld bewusst auf Regionen konzentriert, in denen wir nah an den Baustellen und Projektpartnern sein können: Essen, Düsseldorf, Koblenz, aber auch Göttingen und Erfurt. Erfurt ist inzwischen fast ein zweites Zentrum für uns – ein extrem starkes Netzwerk, spannende Projekte, große Bedarfslagen. Wir akquirieren bewusst nicht mehr überregional: nicht in Frankfurt, Stuttgart oder in München. Projekte sind heute intensiver, komplexer und benötigen mehr unmittelbare Betreuung. Diese Qualität können wir nur liefern, wenn wir regional verankert bleiben.
Gleichzeitig beobachten wir: Die Nachfrage nach nachhaltiger Bestandsentwicklung steigt massiv. Banken, Sparkassen, institutionelle Eigentümer – sie alle erkennen, dass Neubau oft nicht mehr finanzierbar oder politisch gewünscht ist.
Ein zentrales Thema in unserer Arbeit ist die Finanzierung. Viele nachhaltige Projekte scheitern heute nicht an der Idee oder am Konzept, sondern daran, dass Banken und Investoren Risiken kaum noch tragen wollen. Wenn ein Bestandobjekt von uns mit dem 18-Fachen nach Fertigstellung bewertet wird, kommen wir häufig nicht über die 10-Fache Beleihung hinaus, was auch an extrem hohen Ansätzen für Bewirtschaftungskosten bei alten Bestandsobjekten liegt. Um finanzierbar zu sein, können wir das Risiko mit Eigenkapital allein schlicht nicht stemmen. Wir brauchen Kapitalgeber, die an das Produkt glauben – Investoren, die sagen: „Ich verstehe die Idee, ich sehe den zukünftigen Wert, ich gehe mit.“
Viele Banken sind erstaunlich zurückhaltend, sobald es um echte Transformationsprojekte geht. Nachhaltigkeit wird oft rein formal verstanden: Wenn ein Projekt DGNB- oder KfW-40-Standard erfüllt, sind alle glücklich – Haken dran, CSR-Reporting erledigt. Aber echte Bestandstransformation ist komplexer. Ein Beispiel aus der Region zeigt das gut: Ein voll vermietetes, gut gelegenes Gebäude, technisch aber stark vernachlässigt. Viele institutionelle Käufer, die in der Nullzinsphase zu teuer eingekauft haben, merken jetzt, dass Immobilien keine Wertpapiere sind, sondern Arbeit und Verantwortung bedeuten.
Hier beginnt unser Job: Wir müssen erklären, dass ein Objekt vielleicht „mittel- bis dunkelgrau“ ist – aber transformierbar. Dass wir Fassade, Fenster, Dach ertüchtigen, Verbräuche messen, Gas reduzieren oder effizienter machen. Transformation beginnt mit Daten: Erst messen, dann optimieren. ESG-Taxonomien sehen das genauso – konform ist zuerst einmal nur: Daten sammeln. Doch wenn man graue Daten sammelt und das Ergebnis „grün“ labelt, entsteht Greenwashing. Und jeder weiß: Die Regulierung wird hier nachschärfen.
Im Moment ist ESG allerdings stark in den Hintergrund gerückt. Nach dem großen Hype ist die Aufmerksamkeit im Markt deutlich gesunken. Viele Akteure kämpfen gerade damit, Projekte realisierbar zu machen. Die Frage „Wie schaffen wir es überhaupt auf die Straße?“ dominiert – nicht die Frage, wie perfect-green das Ergebnis wird. Ich bin sicher, ESG wird zurückkommen – mit Zeitverzug, aber klarer. Doch aktuell ist die Realität sehr nüchtern.
Was bedeutet das für nachhaltige Gestaltung? Kann eine „grüne“ Architektur, eine ansprechende Fassade oder ein sichtbarer ökologischer Ansatz Projekte tragen? Optisch ja – jeder schmückt sich gern mit Nachhaltigkeit. Aber bezahlen will es kaum jemand. Das ist die ehrliche Wahrheit. Sobald ökologische Mehrwerte 0,5 % Renditeeinbuße bedeuten, steigen viele aus.
Wir setzen trotzdem auf konkrete Maßnahmen: Regenwassernutzung, Photovoltaik, Fassadenbegrünung und ökologische Materialien. Aber nach der Kostenberechnung bleibt davon häufig nur ein Teil übrig. Am Ende ist es dann oft die PV-Anlage und vielleicht ein Fassadenkonzept. Und trotzdem: Nachhaltigkeit muss nicht immer komplex sein. Manchmal sind es die einfachen Dinge – effiziente Armaturen, konsequente Wasserreduktion, langlebige Produkte und ggf auch Verzicht, wenige, aber wirkungsvolle Maßnahmen.
Die Kunst besteht darin, trotz wirtschaftlicher Realität nachhaltige Transformation möglich zu machen: mit klaren Konzepten, ehrlicher Kommunikation, guten Daten und Lösungen, die ökologisch sinnvoll sind, aber finanziell tragfähig bleiben.
Was mich am Bauwesen oft frustriert, ist nicht die Komplexität – die gehört dazu –, sondern der Umgang damit. Wenn wir gemeinsam beschließen, ein Gebäude nachhaltig zu entwickeln, und klar sagen: Wir wollen DGNB Gold, dann müssen alle Beteiligten wissen, was das bedeutet. Es darf nicht sein, dass in LP3 jemand sagt: „Wir wussten gar nicht, was wir planen sollen.“ Das ist für mich die schlimmste Form des Scheiterns. Denn wir haben am Anfang gemeinsam Ziele definiert, Bedarfe formuliert, klare Rahmenbedingungen aufgestellt. Wir haben uns enorm viel Mühe gemacht – eine Bedarfsplanung nach DIN 18205 mit detaillierten Vorgaben und klaren Prioritäten.
Doch sobald der Kriterienkatalog auf den Tisch kommt, geraten manche Planer ins Wanken. Doch statt strukturiert gemeinsam zu arbeiten, entsteht Unsicherheit: „Wer macht was? Wer ist verantwortlich?“
Es fehlt an Vorbildern in der Branche. In der Lehre, aber auch in der Praxis. Junge Architektinnen und Architekten kommen aus dem Studium in konventionell arbeitende Büros, in denen niemand erklärt, wie nachhaltige Prozesse funktionieren, wie man DGNB sinnvoll integriert oder wie man technische Planung und Architektur zusammendenkt. Es fehlt an Mentoren – Menschen, die es nicht nur lehren, sondern vorleben.
Unser Modell ist recht simpel: Wir machen nur das, was sinnvoll ist. Wir vermeiden technisch ausgeklügelte, aber nicht notwendige Lösungen. Wir planen keine Technik, der Punkte wegen. Wir entwickeln Gebäude, die funktionieren – architektonisch, technisch und wirtschaftlich.
Auf die Frage „Wie kommt man da strategisch durch?“ gibt es für mich eine klare Antwort: Nachhaltigkeit funktioniert nur mit Digitalisierung. Wenn ich meine Immobilie, meine Bauteile, meine Materialien und meine Prozesse digital kenne, kann ich sie bewerten, transformieren, optimieren. Ohne BIM, ohne digitale Bauteilmodelle, ohne verlässliche Daten bleibt Nachhaltigkeit eine Abstraktion – dann stochern wir im Nebel. Mit Digitalisierung wird sie handhabbar. Denn nur wer sein Gebäude wirklich versteht, kann es nachhaltig führen, betreiben und entwickeln.
Ein weiterer zentraler Punkt für nachhaltiges Bauen ist für mich der handwerkliche und technische Ansatz: So wenig Technik wie möglich. Alles, was ausfallen, ersetzt oder ständig aktualisiert werden muss, ist langfristig nicht nachhaltig. Wir kennen alle die Beispiele großer Technologieanbieter, deren Gebäude im Winter kalt bleiben, weil irgendein MSR-System streikt. Das zeigt nur: Übertechnisierung ist ein Problem, kein Fortschritt.
Nachhaltigkeit heißt für mich: Dinge einfach machen, robuste Lösungen wählen, auf Systeme setzen, die Jahrzehnte funktionieren – ohne permanente Serviceeinsätze. Gebäude brauchen eine Grundsubstanz, die 100 Jahre hält. Aber alles andere muss flexibel bleiben, veränderbar und wartbar. Gerade im Bestand ist das entscheidend. Leitungen, Infrastruktur, Verkabelung – nach 40 oder 50 Jahren müssen solche Dinge erneuert werden können. Das geht aber nur, wenn wir beim Planen schon an Zugänglichkeit denken, an Rückbaubarkeit, an Reparierbarkeit.
Wir müssen nicht alles für 100 Jahre unveränderlich bauen. Wir müssen nur das Richtige langlebig machen – die Struktur, die Tragfähigkeit, die architektonische Logik. Alles andere muss anpassbar bleiben. Flexibilität ist nachhaltiger als Überdimensionierung.
Das ist für mich der Kern: Nachhaltiges Bauen entsteht nicht durch mehr Technik, sondern durch bessere, einfachere, verständliche Lösungen, die über Generationen funktionieren, sich aber an neue Anforderungen anpassen lassen.




