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Patrick Bergmann

Geschäftsführer

Madaster

Wenn Stadt wieder Vertrauen schafft: Nachhaltigkeit durch Nähe, Kooperation und Mut.


Ich arbeite auf einer Plattform für zirkuläres Bauen und beschäftige mich sowohl mit der Planung als auch intensiv mit dem Rückbau von Gebäuden. Unser zentraler Beitrag zur Nachhaltigkeit liegt darin, Bauprojekte ganzheitlich zu denken – über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Für mich ist holistisches Denken keine Zusatzqualität, sondern eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges und zirkuläres Bauen.


Mein eigener beruflicher Weg ist stark generalistisch geprägt: Ich habe unterschiedliche Studiengänge durchlaufen – von Wissenschaften über Stadtplanung bis hin zur Promotion in Betriebswirtschaft. Genau diese Vielschichtigkeit hat mir gezeigt, dass nachhaltiges und zirkuläres Bauen immer mehrere Disziplinen gleichzeitig betrifft. Es geht nie nur um Architektur oder Technik allein, sondern immer auch um Wirtschaftlichkeit, Prozesse, Akteure und Entscheidungsstrukturen. Deshalb halte ich eine generalistische Sicht für zwingend notwendig, um die unterschiedlichen Beteiligten überhaupt zusammenzubringen.


Zirkuläre und nachhaltige Projekte sind stark frontlastig. Das bedeutet: Sehr viele Entscheidungen müssen früh getroffen werden, deutlich früher als in klassischen Projekten. Dafür müssen alle relevanten Akteure frühzeitig an einen Tisch kommen – und jemand muss die Zusammenhänge verstehen, moderieren und steuern. Genau hier liegt die Rolle des Generalisten: nicht alles im Detail zu können, aber alles zu überblicken und miteinander zu verbinden.


Gleichzeitig ist klar: Generalisten allein reichen nicht aus. Nachhaltigkeit braucht beides – Generalisten und Spezialisten. Es braucht eine Person oder Instanz, die den Überblick hat und die Zusammenhänge versteht, aber ebenso Fachleute, etwa in der Tragwerksplanung oder in der technischen Umsetzung zirkulärer Konzepte, die genau sagen können, was machbar ist und was nicht. Die Aufgabe des Generalisten ist es, diese Spezialisten zusammenzubringen und dafür zu sorgen, dass ihre Ansätze aufeinander abgestimmt sind. Denn die Komplexität nachhaltiger Projekte ist inzwischen so hoch, dass sie nicht mehr von einer Perspektive allein beherrscht werden kann.


Was Forschung betrifft, bin ich inzwischen eher zurückhaltend. Für klassische Gebäudetypen wie Büro- oder Logistikbauten ist das meiste Wissen bereits vorhanden. Wir wissen heute sehr gut, wie zirkuläre und nachhaltige Gebäude funktionieren können. Das eigentliche Defizit liegt nicht in der Erkenntnis, sondern in der Umsetzung. Erst in der Praxis zeigt sich, wo Konzepte noch nicht sauber durchdacht sind oder wo Anpassungen nötig werden. Forschung ist dort sinnvoll, wo es um neue Felder geht – etwa beim Rückbau von Kraftwerken –, aber im klassischen Hochbau müssen wir vor allem ins Handeln kommen.


Ein großes aktuelles Problem ist allerdings die Entscheidungsunfähigkeit. Wir erleben häufig, dass Bauherren eigentlich alles haben: Informationen, Konzepte, wirtschaftliche Grundlagen und sogar das Kapital. Und trotzdem werden Entscheidungen vertagt oder gar nicht getroffen. Projekte kommen nicht auf die Straße, Prozesse verzögern sich, Dynamik geht verloren. Diese Erfahrung machen wir immer wieder – und ehrlich gesagt habe ich dafür kein Patentrezept. Es ist eine Phase, in der viele lieber abwarten, statt Verantwortung zu übernehmen.


Für mich zeigt sich darin umso deutlicher: Nachhaltigkeit scheitert heute weniger an fehlendem Wissen, sondern an fehlender Entschlusskraft. Was wir brauchen, sind Menschen und Strukturen, die den Mut haben, Entscheidungen zu treffen, Projekte umzusetzen und aus der Praxis zu lernen. Denn nachhaltiges und zirkuläres Bauen ist längst möglich – wir müssen es nur endlich konsequent tun.


Ein zentraler Baustein unserer Arbeit ist eine digitale Plattform für zirkuläres Bauen, auf der Gebäude mit ihren verbauten Materialien, ihrem Zustand und ihrer Rückbaufähigkeit erfasst werden können. Ziel ist es, eine allgemein verfügbare Materialdatenbank aufzubauen, die Planung, Rückbau und Wiederverwendung unterstützt und zirkuläres Bauen überhaupt erst skalierbar macht.


In der Praxis ist diese Plattform bereits breit im Einsatz – allerdings mit klaren Schwerpunkten. Besonders gut etabliert ist sie im Büro-, Logistik- und Gewerbebau. Auch die öffentliche Hand nutzt das Instrument zunehmend, was ein sehr positives Signal ist. Deutlich schwieriger ist der Zugang bislang im Wohnungsbau, insbesondere im privaten und im klassischen Mehrfamilienhausbereich. Hier bestehen nach wie vor Lücken – weniger aus technischer, sondern vor allem aus regulatorischer und finanzieller Sicht. Die Hoffnung liegt darauf, dass sich Finanzierung und Förderlogik künftig stärker öffnen, auch wenn unklar ist, wie lange dieser Prozess noch dauern wird.


Ein weiteres großes Entwicklungsfeld ist der Infrastrukturbereich. Ingenieurbauwerke wie Brücken, Tunnel oder Straßen sind bislang kaum auf zirkuläre Materiallogiken ausgerichtet. Dort fehlt vielfach noch das Bewusstsein für den Mehrwert solcher Plattformen – dabei liegt gerade hier enormes Potenzial. Infrastrukturprojekte haben lange Lebenszyklen, hohe Materialmengen und große CO₂-Wirkung. Wenn zirkuläres Denken dort Einzug hält, kann das einen erheblichen Hebel entfalten.


Trotz der positiven Entwicklung muss man realistisch bleiben: Es gibt noch zu wenige Projekte. Auch wenn die Plattform bundesweit bekannt ist und eingesetzt wird, reden wir aktuell eher über einige hundert Neubauten pro Jahr – nicht über die tausenden, die eigentlich notwendig wären, um eine echte Wirkung zu erzielen. Politische Unterstützung auf nationaler Ebene ist derzeit begrenzt. Im aktuellen Koalitionsvertrag spielen diese Themen kaum eine Rolle, und kurzfristig ist wenig Rückenwind zu erwarten.


Interessanter und hoffnungsvoller ist der Blick auf die EU-Ebene. Dort wird das Thema Circular Economy deutlich stärker vorangetrieben, aktuell etwa im Rahmen von Konsultationen und Richtlinienprozessen. Diese Impulse könnten mittel- bis langfristig eine wichtige Stütze sein. Gleichzeitig ist klar: Wir dürfen uns nicht mehr allein auf Regulierung verlassen. Die Zeiten, in denen man sich von Vorschrift zu Vorschrift treiben lassen konnte, sind vorbei. Zirkuläre Konzepte müssen auch ohne regulatorischen Zwang funktionieren und wirtschaftlich Sinn ergeben.


Förderlogiken werden sich dabei zwangsläufig verändern. Künftig wird es nicht mehr ausreichen, nur den Energieverbrauch eines Gebäudes zu betrachten. Der CO₂-Fußabdruck der Materialien, ihre Herkunft, Wiederverwendbarkeit und Dokumentation werden deutlich stärker in den Fokus rücken. Materialpässe, saubere Dokumentation und Transparenz über den gesamten Lebenszyklus werden zur Voraussetzung – nicht nur für Nachhaltigkeit, sondern auch für Finanzierung und Förderung.


Unterm Strich zeigt sich: Die Werkzeuge sind da, die Konzepte sind bekannt, die Plattformen funktionieren. Jetzt geht es darum, Anwendungsfälle zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und den Schritt von der Nische in die Breite zu gehen. Zirkuläres Bauen ist keine Zukunftsvision mehr – es muss jetzt konsequent angewendet und skaliert werden.

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