Nachhaltigkeit in der Immobilienpraxis: Zwischen Anspruch, Wirtschaftlichkeit und regulatorischer Realität
Nachhaltigkeit steht dabei klar im Fokus unserer Arbeit. Unser Ansatz ist es, Gebäude ganzheitlich zu betrachten, eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln und konkret aufzuzeigen, wo wir effizienter werden können – sowohl wirtschaftlich als auch im Hinblick auf Energieverbrauch und ESG-Anforderungen. Am Ende begleiten wir den gesamten Prozess bis hin zur Zertifizierung eines nachhaltigen Gebäudes.
Das Thema ESG ist für mich keine Belastung, sondern zur zentralen Leitplanke der Branche geworden. Sowohl Investoren als auch Mieter fordern heute nachvollziehbare Nachhaltigkeitsstandards. Ähnlich wie bei der Digitalisierung sehe ich darin vor allem eine große Chance: Wer seine Gebäude im Griff hat und sie nachhaltig weiterentwickelt, schafft ein klares Alleinstellungsmerkmal und positioniert sich langfristig erfolgreich am Markt.
Ein prägendes Erlebnis war mein erstes ESG-Projekt, bei dem ich für einen Hauptauftraggeber eine umfassende ESG-Strategie entwickelt habe. Dabei ging es um konkrete Maßnahmen wie etwa die Umstellung der Allgemeinbeleuchtung auf LED – ein vergleichsweise einfacher Schritt, der sofort Energieeffizienz, Kosteneinsparung und Nachhaltigkeit miteinander verbindet. Ich habe dieses Gebäude damals sehr detailliert analysiert, Einsparpotenziale identifiziert und die Erkenntnisse später auf viele weitere Projekte übertragen. Diese Erfahrung hat mein Verständnis für nachhaltige Immobilien nachhaltig geprägt.
Wichtig ist mir dabei immer das Zusammenspiel verschiedener Disziplinen. Als Kaufmann kann ich die wirtschaftliche Perspektive einbringen, bin aber auf das Know-how von Technikern, Architekten, Generalplanern und Fachplanern angewiesen, um Maßnahmen sinnvoll zu bewerten und umzusetzen. Nachhaltigkeit entsteht nicht im Alleingang, sondern durch Kooperation.
Grundlage unserer Arbeit ist fast immer eine klare Strategie. Wir definieren früh das Ziel, ein Gebäude zu zertifizieren und den bestmöglichen Standard zu erreichen. Daraus ergeben sich zwangsläufig konkrete Einzelmaßnahmen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man das Gebäude wirklich versteht: seine Nutzung, seinen Zustand und seine Potenziale. Erst dann lassen sich sinnvolle Maßnahmen identifizieren und priorisieren. Nachhaltigkeit ist damit kein loses Sammeln einzelner Maßnahmen, sondern ein strukturierter Prozess, der mit einer klaren Zielsetzung beginnt, Wissen über das Gebäude voraussetzt und in einer konsequenten Umsetzung mündet. Genau darin sehe ich die Zukunft der Immobilienbranche.
Auf Maßnahmenebene reicht Nachhaltigkeit aus meiner Sicht von vergleichsweise einfachen Eingriffen, wie dem Austausch der Beleuchtung auf LED, bis hin zu größeren Systementscheidungen, etwa der Umstellung von Gas auf Fernwärme oder der Integration von Photovoltaikanlagen. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt jedoch immer stark vom jeweiligen Gebäude, seinem Standort und den rechtlichen sowie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Deshalb betrachten wir jede Immobilie individuell und prüfen sehr genau, was realistisch umsetzbar ist und welchen Mehrwert es tatsächlich bringt.
Gerade beim Thema Photovoltaik haben wir allerdings auch sehr ernüchternde Erfahrungen gemacht. Die regulatorischen Vorgaben in Deutschland – insbesondere rund um Einspeisung, steuerliche Behandlung und energierechtliche Einordnung – sind extrem komplex und teilweise hinderlich. In einem konkreten Projekt hätte die Einspeisung von PV-Strom zu erheblichen steuerlichen Nachteilen geführt, was das Vorhaben wirtschaftlich praktisch unmöglich gemacht hätte. Solche Rahmenbedingungen bremsen Nachhaltigkeit aus, statt sie zu fördern. Hier wünsche ich mir deutlich mehr Flexibilität und Pragmatismus seitens des Gesetzgebers, damit Eigentümer nicht für nachhaltiges Handeln bestraft werden.
Ähnlich herausfordernd ist das Thema Wasser- und Ressourcenkreisläufe, insbesondere in innerstädtischen Lagen. In einzelnen Projekten nutzen wir bereits Regenwasserrückhaltung zur Bewässerung von begrünten Außenanlagen, was sinnvoll und wirksam ist. Gleichzeitig stoßen solche Konzepte im urbanen Raum schnell an Grenzen – auch hier gibt es aus meiner Sicht noch erhebliches Verbesserungspotenzial in Planung, Genehmigung und Förderung.
Grundsätzlich verstehe ich Nachhaltigkeit immer ganzheitlich. Es reicht nicht, einzelne Maßnahmen herauszugreifen – vielmehr muss man den Horizont kontinuierlich erweitern, Zusammenhänge prüfen und offen bleiben für neue Lösungen. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass nicht alles überall funktioniert, dass aber dennoch geprüft werden muss, ob und wie man einen nächsten Schritt gehen kann.
Was ich mir für die Branche wünsche, ist ein klarer Wandel der rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Nachhaltigkeit darf nicht permanent an steuerlichen und regulatorischen Hürden scheitern. Deutschland ist hier aus meiner Sicht kein Vorreiter. Der Blick ins Ausland zeigt, was möglich ist: Länder wie Singapur setzen konsequent auf begrünte Fassaden, integrierte PV-Lösungen bis hin zu Fassadenanlagen und kombinieren Nachhaltigkeit mit hoher architektonischer Qualität – und das wirtschaftlich tragfähig.
Wenn wir Nachhaltigkeit wirklich ernst meinen, müssen wir von solchen Beispielen lernen, mutiger werden und Strukturen schaffen, die nachhaltiges Handeln ermöglichen statt verhindern. Nur dann wird ESG nicht nur Pflicht, sondern echte Chance für die Immobilienbranche.
