Vom Holzbau zur Transformation des Bauens
Über Umwege bin ich schließlich in die Bauwelt hineingewachsen – und genau dort habe ich meinen „Match“ gefunden: die Erkenntnis, dass wir das Bauen radikal nachhaltiger machen können. Dieser Gedanke hat mich zum Holzbau geführt. Und dort wurde sehr schnell klar: Die Herausforderungen liegen nicht im Material selbst, sondern in Skalierung, Preis, Anwendbarkeit, Bewertungssystemen und den eingefahrenen Strukturen der Branche.
Trotzdem erleben wir gerade eine Bewegung. Selbst große „Tanker“ wie Züblin oder Hochtief beginnen, sich aus ihren starren Systemen zu lösen. Sie wollen Teil dieses Wandels sein, weil sie spüren, dass nachhaltiges Bauen keine Nische mehr ist, sondern die Zukunft. Genau darin liegt für mich der Schlüssel: Niemand muss alles selbst können – wir müssen die richtigen Menschen und Kompetenzen zusammenbringen und sie in ein gemeinsames Zielbild führen.
Bei Großprojekten sehen wir das bereits. Es entstehen Joint Ventures und Kooperationsmodelle, in denen Planer, Bauunternehmer, Projektentwickler und Bauherrschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen. Man bildet Arbeitsgemeinschaften, teilt Wissen, und zieht an einem Strang. Genau das brauchen wir: weniger Fragmentierung, mehr gemeinsames Denken. Nachhaltigkeit entsteht nicht in Silos, sondern durch Integration.
Mich fasziniert dabei besonders der Produktgedanke. Ich glaube daran, dass nachhaltiges Bauen nur gelingt, wenn wir in Systemen denken – in Bausystemen, die Prozesse vereinfachen, Fehler reduzieren und Komplexität herausnehmen. Das betrifft auch die Haftung: Wenn wir klarere, einfachere Systeme haben, wird auch die Verantwortung klarer.
Ich habe dafür ein persönliches Bild: der alte Bauernschrank meiner Oma. Robust, simpel, perfekt konstruiert. Jeder kann ihn aufbauen, er hält ewig, und niemand interessiert sich dafür, was er einmal gekostet hat – er wird einfach weitergenutzt, von Generation zu Generation. Genau so sollten wir Gebäude verstehen: langlebig, zirkulär, regenerativ, unabhängig vom Zeitgeist der Immobilienökonomie, die Dinge abschreibt und abreißt, statt sie zu nutzen.
Ein Schlüsselmoment für mich war unser Projekt am ehemaligen Flughafen Berlin-Tegel. Dort entsteht Europas größtes Holzquartier. Klar, dass wir da dabei sein wollen. Ich habe einfach gesagt: „Wir stellen dort das erste Holzhaus hin.“ Ohne endlose Bürokratierunden, ohne lange Diskussionen, aber mit super Partnern und richtig viel Mut. Wir haben die Haftung übernommen und gemeinsam mit unseren Partnern geplant, gebaut – und so den ersten zirkulären Holzbau vor Ort in Rekordzeit realisiert. Und das Beste: Es hat überzeugt.
Dieser Moment hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Komfortzone zu verlassen. Nachhaltigkeit entsteht nicht durch lange PowerPoint-Schlachten oder durch hundertfaches Absichern. Nachhaltigkeit entsteht durch Taten. Man muss einfach anfangen, Lösungen bauen, testen, zeigen. Nur so entsteht Innovation auf der Straße – nicht im Papierkorb der Gremien. Unser Holzbau-Pavillon in Tegel wurde inzwischen rückgebaut und innerhalb von zwei Wochen und zwei Tagen an einem neuen Standort auf dem Flughafen, in neuer Kubatur, wieder aufgebaut.
Für mich bedeutet nachhaltiges Bauen daher: einfacher denken, mutiger handeln, gemeinsam arbeiten. Weniger Komplexität, mehr Kooperation. Weniger Angst vor Verantwortung, mehr Lust auf Veränderung. Nur wenn wir den Mut haben, Dinge auszuprobieren und gemeinsam Systeme zu entwickeln, schaffen wir die Transformation, die der Bausektor dringend braucht.
Wir dürfen im Bauen nicht alles bis ins letzte Detail zerreden und Probleme künstlich aufblasen, bevor überhaupt jemand anfängt. Man muss Dinge ausprobieren, machen, testen. Nur so entsteht Fortschritt. Unsere Aufgabe als Hersteller eines einzigen Bauelements ist es eigentlich nicht, Gebäude zu koordinieren – aber genau das tun wir, weil nachhaltiges Bauen nur funktioniert, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Obwohl wir „nur“ ein Produkt liefern, arbeiten wir im Team am gesamten Gebäude. Und genau darin liegt für mich der Kern: alle Beteiligten zu einem gemeinsamen Ziel zu führen.
Es geht immer um die gleiche Frage: Was wollen wir zusammen erreichen? Wenn alle diese Zielvereinbarung vor Augen haben, läuft ein Projekt plötzlich effizient und reibungslos. Dann hat man nicht mehr diese endlosen Planungsschleifen, Ausschreibungsrunden, Nachträge, Verzögerungen, Budgetüberschreitungen – all die Probleme, die jeder kennt. Der Grund für diese Schwierigkeiten liegt fast immer darin, dass man nicht früh genug alle relevanten Disziplinen zusammenbringt.
Wir müssen Gebäude als fertiges Ganzes betrachten und rückwärts denken: Welche Schritte brauchen wir, um dorthin zu kommen? Starre Bewertungsmodelle bremsen uns dabei nur aus. Wenn ein Projekt extrem schnell gebaut werden muss, haben wir keine Zeit, uns durch veraltete Strukturen zu kämpfen. Wenn das Budget eng ist, dürfen wir keine Energie auf bürokratische Umwege verschwenden. Wir müssen so effizient wie möglich ans Ziel – und wenn ein Planer dafür die Extrameile gehen muss, dann ist das Teil der Aufgabe. Die meisten tun das gern, wenn sie am Erfolg beteiligt sind.
Und genau dort liegt für mich die Zukunft: Ein gemeinsamer Business Case aller Beteiligten. Hersteller, Bauunternehmer und Planer sollten als Verbund agieren, der das wirtschaftliche und nachhaltige Ziel einer Immobilie gemeinsam trägt. Wird das Ziel übertroffen, gibt es Boni. Wird es verfehlt, müssen alle gemeinsam Verantwortung übernehmen. Das verändert automatisch die Logik des Bauens – weg von Nachträgen und Fehlerjagd, hin zu echter Zusammenarbeit.
Denn aktuell erleben wir eine Absurdität: Planungen werden erstellt, und gleichzeitig existiert eine ganze Abteilung, deren einziger Zweck es ist, Fehler in dieser Planung zu finden, um später Nachträge zu generieren. Man geht absichtlich günstig rein, um später teuer zu werden. Dieses System ist nicht fair. Es hilft niemandem. Und es basiert auf einer Kultur, die Fehler nicht als Teil des Prozesses akzeptiert, sondern als Waffe im Projekt.
Wir brauchen eine neue Fehlerkultur. Kein Mensch arbeitet fehlerfrei. Fehler sind normal, unvermeidbar – und oft sogar notwendig, um besser zu werden. Die heutige Schuldlogik im Bau führt nur zu Blockaden, Angst und Misstrauen. Sie hat mit nachhaltigem Bauen nichts zu tun.
Das ist unproduktiv und blockiert Innovation. Wir müssen gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten – und dazu gehört auch der Bauherr. Er ist oft Laie und möchte schlicht ein gutes Gebäude. Er kennt die technischen Details nicht, und genau deshalb müssen wir ihn an die Hand nehmen: ihm zeigen, was möglich ist, was Risiken birgt, wo Prioritäten liegen. Wenn man ihm die Informationen früh, verständlich und visuell anschaulich präsentiert, entsteht Vertrauen. Und mit Vertrauen wird Zusammenarbeit einfach.
Ein weiterer zentraler Punkt für nachhaltiges und innovatives Bauen ist die Rolle der jungen Generation. Junge Leute sind für mich ein Motor der Veränderung. Sie denken anders, sie sind nicht festgefahren in „Das machen wir seit 20 Jahren so.“ Sie bringen neue Ideen, stellen Prozesse infrage und öffnen Türen für Lösungen, die eingefahrene Teams gar nicht mehr sehen. Leider bekommen sie oft nicht die Bühne oder Verantwortung, die sie verdienen. Viele etablierte Planer arbeiten nach alten Standards, die nicht mehr zeitgemäß sind. Da braucht es junge Menschen, die diese Strukturen durchbrechen – und wir müssen ihnen diese Chance geben.
Darum mein Rat an alle jungen Menschen: Bleibt auf eurer Spur. Verfolgt eure Ideen. Lasst euch nicht abwürgen. Oft steckt genau in eurer Herangehensweise der entscheidende Impuls, der ein Problem löst.
In unserer Arbeit bedeutet das auch schnelle Entscheidungen. Try & Error ist ein wichtiger Teil unseres Denkens. Ich mag es nicht, wenn Entscheidungen ewig verschoben werden, weil erst Konzepte, Varianten und endlose Pläne erstellt werden müssen. Wenn ich eine Vision habe – und sei es nur eine Skizze –, dann möchte ich sie ausprobieren, um zu sehen, ob sie funktioniert. Das ist typisch Startup-Denken: früh testen, früh lernen, früh anpassen.
Natürlich geht dabei auch mal etwas schief. Dann bekomme ich auch mal Gegenwind aus dem Team oder es entsteht kurzfristig Chaos. Aber genau diese Pragmatik sorgt dafür, dass wir uns bewegen. Dass wir Tempo aufnehmen. Dass wir Dinge überhaupt herausfinden, statt sie totzudenken. Viele unserer größten Fortschritte waren Lucky Shots – schnelle Versuche, die überraschend gut funktioniert haben. Über klassische, konservative Wege wären diese Lösungen vermutlich nie entstanden.
